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21. Juli 2007, 14:42 Uhr, Amandi

Unverhofft

Wasser. Unter der Brücke wie wabernder, schwarzer Teer, der einen in die Verdammnis zöge, würde man sich zu weit hinüberbeugen. Über den Bootsrand. Das Boot - meine sichere Insel in dieser wogenden Masse unverständlicher Materie. Bodenlosigkeit. Oder – wenn der Boden kommt, nach vielen Metern, ist es zu spät für das Menschelchen, das ich bin. Unser kleines Kanu auf der großen Spree. Wir sind zu zweit. Fast keine Schiffe heute. Ich bin auf den Rhythmus des Paddelns konzentriert. Immer wenn ich aufschaue und die Umgebung sehen will, komme ich raus. Also geb’ ich mich dem Paddeln hin und hefte den Blick auf die Spitze des Bootes. Sie schneidet sich fast lautlos in das Wasser. Elegant. Mühelos-schwerelos. Jetzt spüre ich unsere Bewegung – die Bewegung des Bootes. Das Boot – das sind der Bootskörper und wir. Ich spüre unsere Schnelligkeit und wie wir ins Wasser schneiden. Wir sind im Wasser.
Wenn man beide Augen schließt, sieht man die Dunkelheit. Wenn man nur ein Auge schließt, sieht man nicht die Dunkelheit des geschlossenen Auges, sondern nur die Helligkeit des offenen.

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21. Juli 2007, 14:39 Uhr, Amandi

Gestern

Diese Geometrie. Diese dunklen Riesen aus Stein. Glatt. Glatte Fläche erhebt sich vom Boden weit weithin über mich in den Himmel. Diese vielen verschiedenen Rechtecke und Quadrate und in ihrer Mitte der Kreis. Wunderbarer Hof. In diesem Hof die vielen Menschen. Junge, aufstrebende Menschen, die glauben, heute bei einem wichtigen Ereignis dabei zu sein. Eine Wand des Hofes ist vollständig gesäumt mit Menschen, weil es hier eine Stufe gibt, auf der sie Platz nehmen können. Die einzige Möglichkeit, Platz zu nehmen, wenn man vom Boden absieht. Der Hof ist gepflastert mit diesen Steinen, die gleichzeitig eine Lücke lassen. Also Stein-Lücke-Stein-Lücke. Dadurch ist der Boden Stein und Rasen zugleich und man setzt sich gern auf ihn. Trotzdem stehen alle in diesem nächtlichen Hof. Es gibt keine Musik. Nur diese Gespräche, die unheimlich laut wirken, obwohl alle nur sprechen. Ich mache mir Gedanken über Akustik.
Es ist eindeutig ein wichtiges, gesellschaftliches Ereignis hier. Die Ausstellungseröffnung des Bildhauerei-Abschlussjahrgangs der hiesigen Kunsthochschule. Die geschäftigen Leute. Die Wichtigkeit. Hier fällt mir die Abwesenheit des Lebens, wie ich es schätze, auf. Exklusivität ist hier. Jeder interessiert sich nur für die Gruppe, mit der er hier ist. Allen anderen zeigt er die kühle Schulter.
Meine Freundin Marit und ich treffen zufällig Bekannte. Wir lassen uns in den Kreis einer kleinen Gruppe lotsen. Alles Leute dieser Hochschule, die aber seit kurzem auf den Arbeitsmarkt geworfen sind. Ich werde gefragt, wie es mit meinen Projekten steht. Ich verstehe nicht schnell genug, was mir mein gutes Gefühl vertreibt. Die zwei Männer der Gruppe schauen mit leerem Gesicht ins Richtungslose. Die Dreiergruppe der Frauen wirkt hingegen sehr aufgeregt. Jetzt erst fällt mir der Blick von Ildiko auf. Den kenn ich, seit ich sie kenne. Ganz banale Unsicherheit. Und das bei dieser Frau, die ihren Marktwert ganz genau kennt und sich nicht schräg kommen lässt. Die junge, schöne Frau rechts neben mir lächelt unaufhörlich. Wenn jemand sie anschaut, verstärkt sie das Lächeln. Da wo in mir eben noch Angefülltheit war, hat sich jetzt Leere breitgemacht. Ich kann hier nichts mehr reißen und beschließe, nach Hause zu fahren.

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21. Juli 2007, 14:37 Uhr, Amandi

Kleine Verzweiflung

Komm zurück! Los komm, roter Faden, los! Und bleib dann da! Ich würde dir schon Beine machen, hätt’ ich noch die Kraft dazu. Begleite mich doch! Nein - wie ein Vorschulkind beiß’ ich mir auf die Zunge bei dem Versuch, dich an mich zu binden. Kein Knoten will gelingen. Kindlich unbeholfen binde ich nur lose Schleifen, niedlich ja.
Du bist so lang, roter Faden. Lang und unendlich. Unendlich lang, unendlich. Bin ich das Rotkäppchen, das nicht auf seinem Weg bleiben will? Nie ankommen will, lieber nach links und rechts ausbüxt? Wenn man nach vorne schaut, überkommt einen eine Müdigkeit. Bitte nicht dieser Blick auf diesen endlos langen, faden, mittelbraunen Weg. Nichts Interessantes zu sehen auf diesem Weg. Nichts außer Weg. Der Horizont ist gnädig und gibt dem Ganzen einen Rahmen. Das Grün der anstehenden Büsche sieht man nicht. Und wenn – man kennt das Grün dieser Blätter! Womit sollen die mich noch überraschen? Man kann sich schon noch vorstellen, dass ein niedliches Eichhorn von links nach rechts den Weg überquert. Aber was ist schon ein Eichhorn gegen ein Einhorn. Und auf ein Einhorn kann man nun wirklich nicht hoffen!

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